Die Reise nach Maulle au Mer

 
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November 2014
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Im Krankenhaus

Ein schwerer Gang und eine harte Entscheidung: Ich begleite Maries Schwester ins Krankenhaus, dort liegt ihr Mann. Seit zehn Jahren im Koma, ohne Hoffnung auf Besserung.

Lange hat Matea sich eingeredet, er fühle noch etwas, spüre ihre Nähe, erwache jeden Moment wieder. Doch mit den Jahren schwand erst die Erwartung, dann die Hoffnung, zuletzt der Glaube. Gewichen einem gewachsenen Mitleid für den leblosen Geist im lebensverlängerten Leib.

Heute soll Schluss sein. Die Geräte werden abgestellt, der im Diesseits Gefangene ins Jenseits entlassen. An seinem morgigen Geburtstag soll er nicht mehr im Krankenbett siechen, sondern Grabesruhe genießen.

Ein Schalter klickt, Tränen fließen, Schläuche leeren und Blicke senken sich, mechanisches Maschinenatmen weicht sonorem Signalton. Schluchzen. Stille. Aus.

"Glauben Sie mir, es ist besser so für Ihren Mann, er lag nun schon zehn Jahre im Koma - da gab es wirklich keine Hoffnung mehr..."


22. November in Maulle au Mer

 

Aus

Der sommerliche Wiesenduft umschmeichelt verführerisch die Nase und seine Ohren lauschen dem Konzert der Zugvögel, die für Momente die Mittagssonne verdunkeln und ihn in einen strahlenden Himmel blinzeln lassen, der von tanzenden Löwenzahnsamen wie mit glitzerndem Sternenstaub erfüllt ist. Nichts könnte schöner sein, als hier im Grase zu liegen und eins zu werden mit der wunderbaren Natur, die ihn umgibt. Dem wohligen Brummen balzender Libellen lauschend, hört er ganz schwach von Ferne eine vertraute Stimme nach ihm rufen.

In freudiger Erwartung richtet er sich auf, und tatsächlich ist es Matea, seine ewig junge Frau, die ihn zum Essen ruft. In der Haustür ihres kleinen Bauernhäuschens stehend, winkt sie ihn herbei. Es ist schon immer sein größter Traum gewesen, solch eine gemütliche Kate zu bewohnen, mit Ziegeln aus Lehm und einem Dach aus Stroh, auf dem ein Storchenpaaar nistet, das ihnen neuen Nachwuchs kündet. Schon bald würden sie zu fünft sein - zu seinen wohlgeratenen Buben wird sich das langersehnte Töchterlein gesellen.

Von lebenensfrohem Übermut beseelt, läuft er den Hang hinunter, schlägt einen Purzelbaum, bei dem er eine Handvoll Gänseblümchen abreißt, und fällt lachend seiner Liebsten in die Arme: "Die sind für dich, mein Zauberblümchen! Du weißt ja gar nicht, wie sehr ich dich liebe."

"So sehr wie ich dich", bekommt er wie immer zur Antwort, und sie gehen eng umschlungen ins Haus. Es gibt Blaubeerpfannkuchen, sein Leibgericht, wie überhaupt alles, was Matea kocht. Die Kinder sind noch draußen im Pferdestall, sie wollen das Zaumzeug flicken, damit sie ihn morgen, wenn ihr Vater Geburtstag hat, damit überraschen können - aber das dürfe er natürlich noch nicht wissen, wie Matea betont.

"Keine Angst, mein Schatz, ich lasse mir nichts anmerken - und weißt du, was? Nächste Woche gehen wir mit dem ganzen Hausstand auf große Fahrt - es sollte eigentlich ebenso eine Überraschung sein, aber ich will es dir schon heute sagen: Ich habe unser Boot wieder repariert, und wir werden auslaufen und den Purpursee befahren - dem Weg der Bernsteinlachse folgend bis zur Regenbogenbrücke..."

"Oh, Liebling, das ist einfach wunderbar! Die Buben werden begeistert sein, und ich..."

Urplötzlich weichen Mateas Worte einer eisigen Stille - auch das vertaute Gesicht seiner Liebsten erscheint mit einem Male undeutlich und verschwommen. Es wird seltsam schummrig in der kleinen Bauernstube, als ob die dunklen Wände alle Helligkeit lichtdürstend in sich aufgesogen hätten.

"Das Feuerholz ist wohl niedergebrannt, Liebes, leg doch noch ein paar Scheite nach! Matea, hörst du? Matea? Mateaaa...!"

Immer schwächer werdend, verschwinden die Konturen des Raumes im Nichts einer sich ausbreitenden Dunkelheit. Seine Rufe, sein Flehen, seine gellenden Schreie panischer Verzweiflung - sie alle verhallen in lähmender, vollkommener Leere. Nun wird auch sein Geist schwer und träge, sein wacher Verstand ermüdet, sein Gedankenfluss stagniert, kühlt ab, erstarrt... zu ewigem Stillstand.

"Glauben Sie mir, es ist besser so für Ihren Mann, er lag nun schon zehn Jahre im Koma - da gab es wirklich keine Hoffnung mehr..."

Copyright: Text von Michael Budde, Fotos von IMSI