Die Reise nach Maulle au Mer

 
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November 2014
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Die Amerikanische Botschaft

Entgegen Maries ausdrücklichem Rat wage ich mich vor die Amerikanische Botschaft, um Fotos zu machen. Es ist dies ein gefährliches Unterfangen, da der Botschafter vor mehreren Jahren den Verstand verlor und geistig verwirrt alle Mitarbeiter massakrierte.

Täglich steht er im Bademantel auf dem Balkon und schießt wahllos auf wehrlose Passanten. Das Lieferpersonal örtlicher Lebensmittelhändler betritt das Gelände nur angeseilt, damit deren Leichen im Todesfalle vom Grundstück gezogen werden können.

Aufgrund des diplomatischen Status hat die Polizei keine Handhabe gegen ihn und niemand in der Regierung würde es wagen, den amerikanischen Verbündeten zu kritisieren, von dessen Wohlwollen die heimische Wirtschaft abhängig ist.

Auch ein Warnschild würde gewiss als Affront aufgefasst, und so nimmt man die gelegentlichen Toten als unvermeidlichen Tribut fortwährender Völkerfreundschaft.

Als sich die Balkontür öffnet, werfe ich mich behände zu Boden und krieche bäuchlings hinter eine Betonmauer. Ein Schuss zerreißt die Stille, ein Gehstock trifft auf Asphalt, ein alter Mann sackt leblos zusammen. Die Straßenreinigung wird sich seiner annehmen.

27. November in Maulle au Mer

 

Völkerfreundschaft

(mpa) Maulle. Dank tatkräftiger Mithilfe unserer amerikanischen Freunde ist es wieder einmal gelungen, einen Terroranschlag im Botschaftsviertel zu vereiteln.

Wie aus Regierungskreisen verlautet, sei der heute Morgen zu Tode gekommene Rentner keineswegs ein unschuldiges Opfer, sondern ein von der CIA gesuchter Topterrorist, der weltweit für Attentate verantwortlich gemacht werde und auch hierzulande Anschläge geplant habe. Nähere Angaben seien aus Geheimhaltungsgründen unmöglich.

Der Regierungssprecher ließ es sich nicht nehmen, nochmals die gute Zusamenarbeit mit der amerikanischen Botschaft hervorzuheben, von der immer wieder die Initiative zur Terrorismusbekämpfung ausgehe. Oftmals seien es scheinbar unbescholtene Bürger, die sich im Nachhinein als gefährliche Gesinnungstäter herausstellten, deren geheime Pläne nur durch das beherzte Eingreifen unserer amerikanischen Verbündeten durchkreuzt würden.

Gerüchte über den Gesundheitszustand des Botschafters wurden von Regierungsseite als blanker Antiamerikanismus zurückgewiesen.

Copyright: Text von Michael Budde, Fotos von IMSI