Die Reise nach Maulle au Mer

 
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April 2014
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Bei Marie zu Haus

Die Polizei sprengt die Schlafzimmertür gerade, als wir ein Schäferstündchen genießen: Marie trägt ihr wolliges Lammfell und ich habe meine Jute-Joppe übergeworfen und den hölzernen Hirtenstab in der Hand.

Man hält mir ein Papier unter die Nase und fragt, ob ich dessen Verfasser sei. Es ist eine Lobeshymne auf den Bürgermeister, der heute seinen monatlichen Geburtstag feiert. Ich verneine wahrheitsgemäß und frage, warum der Autor dieses Schreibens verfolgt werde.

Statt einer Antwort hält der Hauptmann ein Feuerzeug hinter das Blatt: Durch die Wärme verschwinden die handgeschriebenen Zeilen bis auf wenige Sätze, die plötzlich gar nicht mehr so positiv klingen. Ein interessanter Einsatz von Geheimtinte.

Durch Schriftproben kann ich meine Unschuld beweisen. Auf die Frage hin, wie man auf mich gekommen sei, erfahre ich, dass jedes Stück Papier, das in Maulle au Mer in Umlauf ist, ein individuelles Wasserzeichen trägt, Schreibpapier ebenso wie Geldscheine, weshalb man leicht feststellen konnte, dass dieses Blatt aus einem Block stammt, den ich mit einer Banknote bezahlt habe, die von meinem Reisekonto abgehoben wurde.

Künftig werde ich unbenutzte Blätter lieber verbrennen, statt sie für jeden zugänglich ins Altpapier zu werfen, wodurch man leicht in falschen Verdacht gerät.

Als die Uniformierten den Raum verlasse, setze ich meinen Schäferhut auf und spiele Panflöte, während Marie im Takt dazu blökt.


16. April in Maulle au Mer

 

Laudatio zum Geburtstag

Unser Bürgermeister ist ein Politiker der alten Schule, der vielen zum Vorbild gereichen könnte. Durch Fleiß und Ehrlichkeit bestechend machte er Karriere und hatte keine Skrupel, als man ihn der Korruption überführte Parteikollegen zu entlassen bat.

Er hatte viele Affären mit Männern seines Geheimdienstes aufgedeckt. Stolz präsentiert er seine Parteiabzeichen, und natürlich hängt er an der Nadel für 40-jährige Mitgliedschaft besonders, da sie ihm erst kürzlich verliehen wurde.

Er ist modebewusst und auch die Kosten für die Kleider seiner Frau trägt er gern, weil sie als First Lady nicht in Lumpen herumlaufen kann, seine Tochter ist ebenso edel gekleidet. Was er anpackt, hat Erfolg und geht nie in die Hose, offen geht er auf Frauen zu und bestärkt ihre Forderung nach Chancengleichheit.

Er ist ein Verbrecher bekämpfender Politiker, und so ist es kein Wunder, dass seine Familie und er vermehrt die Opfer von Gewalttaten wurden. Einem Attentat entging er nur knapp und einen Brandanschlag auf seine Großmutter erstickte er mit einer Decke.

Er diskutiert häufig mit Bürgern jeden Alters, aber mit Kindern macht er es am liebsten, da diese besonders interessiert seien. Der Schutz der Jugend ist auch sein höchstes Ziel, und Verbrechen an Mädchen lassen ihn scharf werden in seiner Forderung nach härteren Strafen.

Von seinem Vater hat er die Liebe zum Wald geerbt, nicht aber dessen Jagdhobby. Einfach durch die Natur zu streifen, ohne dabei Tiere zu töten, macht ihm Spaß. Sein ganzes Herz hängt an der Schönheit des Forstes ebenso wie an den edlen Tieren, besonders an Wildschweinen; vergangen, hat er sich gesagt, ist diese Schönheit schnell und daher schützenswert. Sein Umweltbewusstsein zeigt sich auch darin, dass Biomilch die einzige ist, die er trinkt, und er zieht Stoff, durch seine empfindliche Nase, den üblichen Papiertaschentüchern vor, was zugleich Abfall vermeiden hilft.

Er macht es sich selber nicht leicht in seinem Amt. Gern hätte er wieder mal Urlaub, doch er weiß, er kriegt keinen mehr - hoch beschäftigt wie er ist.

Copyright: Text von Michael Budde, Fotos von IMSI